christian-lindner-fanwochen in der ZEIT,

die aktuelle ausgabe

by 166mhz

Freunde, die dem liberalen Bürgertum verpflichtete ZEIT hat gestern eine neue Ausgabe veröffentlicht. Darin führt sie fort, was sie seit dem letzten Jahr mehr oder minder offen praktiziert:

Unsubtile Begeisterung für die junge Garde der FDP.

Man kann an einem beliebig gewählten Punkt ansetzen, z.B. im April letzten Jahres, als Dagmar Rosenfeld befand:

Doch die FDP ist mehr als nur ein Hort des Immergleichen, sie kann auch erfrischend, nachdenklich und manchmal sogar ein wenig überraschend sein. Je nachdem, wo man ihr begegnet.

Z.B. im Düsseldorfer Landtag gebe es einen, Christian Lindner, der kein Papier mehr brauche, weil er pdf-Dateien nutze – was die Autorin dann wohl erfrischend und überraschend findet. Außerdem habe der Lindner mit dem Rösler ja auch ein Buch geschrieben, um an einer sozialverträglichen Interpretation von Liberalismus zu arbeiten, die den beiden offenbar sehr am Herzen liege.

Dann war Bundestagswahl, die FDP zog mit Pauken und Trompeten in die Berliner Volksvertretungskammer und die ZEIT in Person von Elisabeth Niejahr gab gleich Entwarnung, weil die Bahrs und Röslers und Lindners dieser Republik reden wie Sozialdemokraten. Letzterer…

…schreibt Essays über »gefühlte Gerechtigkeit« und einen »neuen sozialen Konsens«. Er zitiert dabei gern den britischen Soziologen Anthony Giddens, ausgerechnet.

Ausgerechnet? Frau Niejahr hat da etwas nicht verstanden. Das ist nicht verwunderlich, sondern logisch-konsequent: Giddens, Schröder-Blair, Neue Mitte – das hat mit dem, was in den Köpfen der Menschen vielleicht noch unter der Kategorie Sozialdemokratie rumgeistert, natürlich nichts zu tun. Dass das passt, verwundert niemanden, der die ideologischen Kampfschriften der neuen Sozialdemokratie zu Beginn dieses neuen Jahrtausends gelesen hat. Von der Hängematte zum Trampolin: Wenn gleiche Chancen geschaffen werden, müssen sich alle nur noch ein wenig anstrengen und was am Ende (das Marktergebnis) dabei rumkommt, muss den Staat nicht mehr so sehr kümmern. Das ist natürlich FDP-freundlich. Deswegen hat der Guido Westerwelle Ende der 1990er das Schröder-Blair-Papier auch so gelobt – ganz ohne Ironie.

Dann bekam die ZEIT aber ein Problem. Denn sie versucht zumindest nach außen den Eindruck zu erwecken, dass sie eine kritisch-journalistische Instanz ist, die sich die Dinge ganz genau anschaut und dann zu einem differenzierten Urteil kommt. Und da konnte man leider die Augen nicht verschließen vor dem Mumpitz, den die ehemals so hoffnungsvoll angeflirteten Liberalen in Berlin verzapften.

Hotels, Apotheker, Klientelpartei-Gedöns: Akt 1.
Klassenhass, spätrömische Dekadenz, Schnee schippen: Akt 2.
Rumgekungel im Flieger, Vorteilsgewährung, dekadente Büffets für ausgewählte Gäste: Akt 3.

Die ZEIT musste handeln, also sprang Bernd Ulrich ein und prangerte an. Die geistig-politische Wende, von der die Westerwelle palavert hatte, sei in Wahrheit nur eine geistig-politische Leere, der Liberalismus verkomme zur Ideologie 1. In den Bereichen Internet, Klima und Finanzmarkt, da habe die FDP ja noch erheblich Lücken.

Die Kritik richtet sich eindeutig gegen Westerwelle, negativ erwähnt werden noch Frau Leutheuser und Frau Homburger. Lindner aka Bambi 2, der zwischenzeitlich zum Generalsekretär aufgestiegen ist, darf sich über die Nicht-Erwähnung freuen und wittert seine Chance:

Vermutlich hat er dann zum Hörer gegriffen und den Bernd mal angerufen. Könne doch alles nicht sein, der liebe Bernd habe sicher seinen Liberalismusbegriff und den seiner Partei nicht verstanden. Er könnte da gerne erläuternd aushelfen, ob denn die Damen und Herren in Hamburg in einer der nächsten Ausgaben eine Seite Platz hätten, damit er mal ordentlich die frohe Botschaft des Lindnerschen Liberalismus verkünden könne. Klar, sagt der Bernd, machen wir, die Linkspartei hat ja letzte Woche auch das Feuilleton gemacht. Zwei Wochen später darf Lindner den Liberalismus erklären, menschenfreundlich wie er und der ist, auf einer Seite ZEIT, prominent platziert.

Lindner doziert:

Die qualitative Dimension der Freiheit fordert für jeden Einzelnen eine materielle Grundlage, aber genauso auch ideelle Voraussetzungen wie Bildung, Toleranz, Leistungsbereitschaft und Verantwortungsgefühl für sich wie andere. Frei ist derjenige, der zwischen möglichst vielen wertvollen und realisierbaren Optionen für den eigenen Lebensweg wählen kann. Für die Öffnung von »Lebenschancen« (Ralf Dahrendorf) braucht es Institutionen der Gesellschaft oder des Staates – einen mitfühlenden Liberalismus.

Und uns wird allen ganz warm um’s Herz.

Aber es hilft nicht, die FDP versagt kläglich, in NRW wird sie abgestraft.

Es ist für die ZEIT also an der Zeit, dem jungen aufstrebenden Liberalismus-Experten Lindner und seiner Partei wieder etwas auf die Füße zu helfen. Also macht man eine launige Reportage mit Bambi in Berlin, die bis dato den journalistischen Gipfel der unsubtilen Lindner-Verehrung durch die Hamburger ZEIT bedeutet.

Unter der Überschrift Die schöne Seite des Liberalismus3 treffen sich die alten Kumpel Bernd Ulrich und Christian Lindner im Sowohl-als-auch am Prenzlauer Berg, um mal öffentlichkeitswirksam und lässig über Politik, die FDP und natürlich Lindner selbst zu quatschen.

Und diese schamlose PR, die Ulrich da in der aktuellen Ausgabe abliefert, muss man einfach mal detailliert zerpflücken, damit deutlich wird, wieviel Schleimscheißerei überhaupt in diesem Artikel steckt.

Es fängt damit an, dass Lindner elegant wirkt in dieser alternativen Umgebung. Weil er hat einen Bart und eine Jeans an. Sogleich ist der Bernd ganz begeistert und schreibt von einer Sensation, weil der Lindner sagt:

Ich weiß es nicht.

Potzblitz, Donnerwetter. Es haut den Bernd komplett aus den Socken, soviel Ehrlichkeit für einen Politiker (!) muss unglaublich unglaublich (sexy) sein. Gefragt wurde, wie es mit der FDP weitergehe, wo doch jetzt Steuersenkung und Kopfpauschale vom Tisch seien. Ulrich findet den Satz vor allem auch deshalb so großartig überraschend, weil Lindner ja eigentlich Philosoph sei (er ist es natürlich nicht, aber das sagt der liebe Bernd nicht, es muss ja bloß ins Bild passen).4

Nach dem szenigen Einstieg reflektiert Ulrich die missliche Lage der FDP mit Bezug auf das Bambi:

Keine Partei hat derzeit eine so schlechte Reputation wie die FDP, bei den Wählern, den Medien und am Prenzlauer Berg sowieo. Daran leidet Christian Lindner bitterlich.

*schnief*schluchz*5

Aber Lindner weint nicht, er ist voller Tatendrang, stellt zumindest der Autor fest:

Er hat sich viel vorgenommen. Lindner will die FDP von Grund auf verändern. Mit neuen Ideen, wenn das geht, und mit Westerwelle. Hohen Intellekt fordert das und kluge Loyalität. Können Sie das, Herr Lindner?

Igitt, igitt, igitt. Die Schleimspur zieht sich ja quer durch den ganzen Kiez, sie fängt an bei dieser rhetorischen Frage. Denn natürlich kann der Lindner: Er weiß es nicht, er ist Philosoph. Er hat von seinem Papa 1971 die Freiburger Thesen in der original rororo aktuell Ausgabe bekommen und ist nicht zu den Jungunionisten gegangen, weil ihm nicht nach Bier und Gemütlichkeit war. Außerdem hatte er damals in Düsseldorf nichts mit dem Möllemann am Hut, der dann irgendwann tragisch vom Himmel fiel. Ganz schnell sei er auf der Seite von Pinkwart gewesen.

Und weiter?

Wenn man Bambi nach seinem Chef fragt, könne es still werden. Dann höre man den sektschwangere[n], espressozischende[n] Lärm eines Szenecafés am Samstagnachtmittag.

Ulrich braucht drei Spalten kostbares ZEIT-Papier, um das erste Mal Indizien dafür zu liefern, das humorige Reportagestück auch mit etwas Substanz anfüttern zu wollen. Reden wir über Inhalte, gibt der Autor vor.

Und was kommt dabei rum? Nun:

Lindner will dem Staat wieder eine Richtung geben, ob dabei dann mehr Staat herauskommt oder weniger, das sei zweitrangig. […] Nein, die soziale, ökologische, zuhörende, dem Staat gegenüber aufgeschlossene FDP, die der Generalsekretär sich vorstellt, ist keine breitere, es ist eine andere FDP. […] Mit seinem Arm beschreibt er nun einen weiten Bogen. Richtungsänderungen, das will er damit zeigen, können nur allmählich erfolgen.

Pfui, pfui, pfui. Ich habe wirklich angestrengt die ganze Seite abgesucht, da steht tatsächlich nirgendwo ANZEIGE. Aber soviel also zum aktuellen Politikprogramm des Herrn Lindner.

Der Ausstieg aus der Café-Szene erfolgt dann wieder mit persönlicher Sahne und einer wirklich wunderschönen Frage von Bernd Ulrich:

Warum wohnt ein führender FDPler und bekennender Autornarr ausgerechnet am Prenzlauer Berg? Da, wo Linke, Grüne und Sozialdemokraten die Direktmandate unter sich ausmachen.

D’oh!? Vielleicht ist der Christian seiner Zeit voraus? Vielleicht, weil am Prenzlauer Berg Linke und Sozialdemokraten bald nicht mehr viel zu suchen haben?

Zum Abschluss – Ulrich war Mitarbeiter bei den Grünen – geht es dann noch um deren Verhältnis zu Lindner. Man merkt: Da haben sich wirklich zwei Männer gefunden, die sich sehr sehr gern haben.

Lindner kann mit den Grünen, aber er ist keiner. Kein Grüner würde zugeben, dass sein Lieblingsschauspieler Steve McQueen sei, vor allem in dem genreprägenden Rennfahrer-Film Le Mans, wo er diese große Armbanduhr von Tag Heuer trägt. Männlichkeit in Motoröl? Um Himmels willen! So, jetzt aber schnell, die Krise wartet!

Sagt der Papa zum Sohnemann und tätschelt ihm zum Abschied den Kopf.

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Der Artikel ist nun auch online einzusehen.
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  1. Man fragt sich natürlich: Was soll ein -ismus sonst sein?
  2. Ein Spitname, der Mann war New Economy-Pionier und 21 Jahre, als er mit seinem Porsche vor den Landtag in Düsseldorf fuhr und auch gleich einzog
  3. Man könnte also zunächst denken, hier werde mit ironischen Winkelzügen gearbeitet, aber es stellt sich heraus: Der meint das sicher wirklich so
  4. Christian Lindner hat 8 lange Jahre studiert auf Magister. Im Hauptfach Politikwissenschaft, in den Nebenfächern Öffentliches Recht und Philosophie. Soweit ich weiß, ist man dann kein Philosoph. Außer natürlich: Philosoph im Sinne von Mensch, weil befähigt, zu reden und zu denken
  5. Der Lindner wohnt sogar am Prenzlauerberg!!! Obwohl ihn da angeblich alle hassen! Krass, ey!