wörter zum sonntag

by 166mhz

Am Dienstag, den 20.07.2010 berichtet DerWesten über potenzielle Kapazitätsprobleme des Loveparade-Geländes am ehemaligen Güterbahnhof in Duisburg:

“Die Organisatoren gaben sich am Dienstag allerdings sehr optimistisch, dass es kein Chaos geben werde. „Die eine Million Besucher wird ja nicht auf einmal, sondern über den Tag verteilt kommen“, so Rabe [Dezernent für Sicherheit und Recht der Stadt Duisburg, CDU]. Es sei zwar nicht auszuschließen, dass der Zugang während der zehnstündigen Veranstaltung kurzzeitig gesperrt werden müsse, aber derzeit gehe man nicht davon aus. Und wenn der Fall doch eintrete, „dann haben wir ganz unterschiedliche Maßnahmen, mit denen wir das problemlos steuern können“, verspricht der Sicherheitsdezernent – bei den Details wollte er sich nicht in die Karten schauen lassen.”

Die Frau vom Ordnungsamt sagt, es gebe “Servicestationen” entlang der Strecke: “So kann man den Gästen Unterhaltung anbieten, falls es mal einen kleinen Stau und Wartezeiten geben sollte.”

Einen Tag drauf, am 21.07. warnt DerWesten kokett vor der Schotterpiste auf dem Gelände und empfiehlt das richtige Schuhwerk. Ein Kommentator merkt off-topic einen Tag später, am 22.07. an:

“sehe ich das richtig, dass die versuchen 1 million menschen über die 1-spurige! TUNNELSTRAßE! Karl-Lehr-Straße mit zwischendurch 2 kleinen trampelpfaden hoch zum veranstaltungsgelände zu führen?
also in meinen augen is das ne falle. das kann doch nie und nimmer gut gehen. wer in essen und dortmund dabei war weiß, wie groß das gedränge schon auf recht weitläufigen zugangswegen war. das war ne katastrophe und die wollen ernsthaft den zugang über nen einspurigen TUNNEL leiten?
ich fass es nicht!!!!

ich seh schon tote wenn nach der abschlußkundgebung alle auf einmal über diese mickrige straße das gelände verlassen wollen.”

Gestern sterben dann 18 Menschen in der Enge der Masse – am einzigen Eingang zur Loveparade, der gleichzeitig auch ihr Ausgang ist. Zahlreiche weitere werden verletzt.

Die endgültige Opferzahl steht noch nicht fest, da weiß Duisburgs Oberbürgermeister, Adolf Sauerland (CDU), der sich persönlich um einen Sponsor für das Technofest bemühte und im Vorfeld wie sein Rechtsdezernent alle Sicherheitsbedenken kleinredete, zu berichten:

„Alle Sicherheitsvorkehrungen, die notwendig waren, sind von den Ordnungskräften eingeleitet worden. Es ist dafür gesorgt worden, dass nur die Größenordnungen in den Tunnel geleitet wurden, die der Tunnel verkraftet. Aber soweit wir das Szenario kennen, sind die Toten entstanden, weil man Sicherheitsvorkehrungen überklettert hat und dann abgestürzt ist.“

Und auf Spon wird der OB mit den Worten zitiert:

“Wenn Sie jetzt hören, was wohl die Ursachen sind, dann lag es nicht am Sicherheitskonzept, was nicht gegriffen hat, sondern wahrscheinlich an individuellen Schwächen.”

Die Leute sind also geklettert und reihenweise in den Tod gefallen. 18 mal. Das Bild passt nicht wirklich zu dem, was via Youtube, Twitter und allerlei anderer Kanäle von Augenzeugen verbreitet wurde, aber: Als betroffener Beobachter und Nicht-Teilnehmer weiß man nicht, was war. Es tut aber auch nichts zur Sache, denn der Bürgermeister findet ja: Hätten sich die Leute einfach regelkonform verhalten, dann wäre auch niemand gestorben. Vermutlich waren ja auch Drogen im Spiel. Individuelles Fehlverhalten, shit happens?

Ähnlich formuliert es auch Rechtsdezernent Rabe, der es sich nicht nimmt, im Interview mit den Tagesthemen nach einer kurzen Erklärung der Anteilnahme und Trauer den gelaufenen Beitrag dahingehend zu “korrigieren”, dass die “Vorkommnisse”, wie Rabe sie nennt, nicht innerhalb, sondern außerhalb des Tunnels, im “breiten” Zugang zum Gelände, stattgefunden hätten. “Einzelne” hätten Absperrungen überwunden, seien dabei abgestürzt und hätten so “nach hinten hin” eine Panik ausgelöst. Außerdem habe es keine wirkliche Platznot gegeben, das Gelände sei zum Zeitpunkt des Unglücks “allenfalls zur Hälfte besetzt”. [Die Polizei NRW fand das Gelände zum Zeitpunkt des Unglück jedoch derart besetzt, dass sie es "wegen Überfüllung" schließen musste] Man habe darüber hinaus “von vornherein” immer nur eine begrenzte Anzahl von Menschen in den Tunnel gelassen. “Aus diesem Tunnel heraus dann auf dem Weg ist dieses schreckliche Unglück passiert.”, Zitat Ende. Es gab ein Sicherheitskonzept, es gab Zäune (!), aber “diese sind dann überstiegen worden”.

Also, der Rechtsdezernent meint: Im Tunnel war nur eine “begrenzte Anzahl” von Menschen, das Festivalgelände war weitgehend frei. Sicherheit war da, es gab schließlich Zäune und ein Konzept. Schuld, das sind wohl 18 verrückte Abstürzer auf XTC.

Ich weiß nicht, was wirklich vorgefallen ist. Ich war nicht da. Ich habe mir in den letzten Stunde über viele Kanäle ein unvollständiges Bild gemacht.

Doch selbst aufgrund dieser unvollständigen Faktenlage will ich behaupten: Die Äußerungen der Herren Sauerland und Rabe sind dreiste, pietätlose Faktenbiegerei. Bewusstes Vertauschen von Symptom und Ursache. Wer zu einem Zeitpunkt, da aufgrund eventueller eigener Fahrlässigkeit noch Menschen mit dem Tod ringen, bereits derart amtsfixiert beschwichtigt und in Auswegen quatscht, dass es einem außerordentlich schlecht dabei wird, der gehört zu Beginn der kommenden Woche von seinem Beamtenstatus befreit, Pensionsbezüge gerne gestrichen.

Wir saßen hier und waren fassungslos, hatten noch Raver in der U-Bahn getroffen, spontan überlegt noch nach Duisburg zu fahren, uns dann aber doch noch anders entschieden. Da war Unverständnis und Trauer, bis diese Herren anfingen, kümmerliche Rechtfertigungsversuche zu starten. Von da an nur noch Wut. Ich werde darüber jetzt erst einmal schlafen müssen.
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26.07.
Den Epilog zu meinen Gedanken von Samstagnacht hat Jens Berger beim Spiegelfechter aufgeschrieben. Lesenswert wie immer.
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