katholisches bier seit 1852
Vor meinem Fenster unter dem Kreuz auf dem Sakralbauvorplatz sitzen die, die dauernd neue Flaschen holen.
Die Trinkhalle zwei Stockwerke tiefer hat am Eingang eine Lichtschranke, die jede Unterbrechung mit einem klangvollen Di-Dü kommentiert. So kann ich bei offenem Fenster die Trinkfrequenz der verlorenen Seelen hören: Discountpilsflasche um Discountpilsflasche wird die Stimmung ausgefranster. Wird der Restbetrag kleiner. Um diesen unumkehrbaren Vernichtungsmechanismus wissend trägt die Mehrzahl der lohnarbeitslosen Zeittotschläger Plastiktüten bei sich. Damit, wenn der Kollege vor Kummer, Vergiftung und Verzweiflung von der abgesessenen Kirchplatzbank kippt, schnell teures Glas eingesammelt und in Discountpils umgewandelt werden kann. Dort unten auf dem Platz der Trinker wird sich in bemerkenswerter Atmosphäre dem Gerstensaft unterworfen, deren eindrücklichstes Zeichen ihre Ambivalenz ist: Die durch Ort und repetitive Trinkhandlung in Beziehung Stehenden praktizieren in dem einen Moment liebevolles gemeinsames Aushalten des Exklusivstatus’. Mit primitivem Witz und lautstarken Zoten, harmlosen Scherzen auf Kosten des Anderen. Im nächsten Moment jedoch zerbricht der sich dann als fragil offenbarende Frieden in der zufällig zusammengefundenen Gruppe: Aus unbekannten Gründen brechen sich große Emotionen Bahn, Hass und Wut werden dem Gegenüber vor die Füße gespuckt. Die Schicksalsgemeinschaft löst sich unvermittelt in Schicksalsindividuen auf, die allein den Weg weg von der Gruppe gehen. Oft werden unbeteiligte Passanten in diese konflikthaften Auseinandersetzungen miteinbezogen, die nur ihren Einkauf sicher nach Hause bringen und nicht den sauren Atem der zahnlosen in dieser Gesellschaft Gescheiterten im Gesicht spüren wollen. Wer lässt sich schon auf ein mühevolles Zuhören ein, das im Ergebnis semantisch regelmäßig mangelversorgt ist, weil die betroffenen Schwankenden ihre undeutliche Rede meist mit larmoyanten Opfergesängen beginnen und mit kruden Vorwürfen an den Zuhörer und seine Mitverantwortung für die ausweglose Gesamtsituation beenden?
So schnell wie die verlorenen Seelen vor meinem Fenster auftauchen, so schnell verschwinden sie auch wieder. Wenn es regnet, die Trinkhalle schließt, der kalte Winter kommt. Ich frage mich, wohin sie dann gehen. Ob sie nur die Bank wechseln, neues Glas finden müssen oder irgendwo ein Essen bekommen. Viele Gesichter sehe ich nie wieder.
